"Wir Schwaben sind nicht dumm"

Manfred Mergel feiert ein Jubiläum: Vor 20 Jahren hat der Pfarrer seinen ersten Mundart-Gottesdienst gehalten.

Stuttgarter Zeitung, 9.1.2015

Am 15. Januar 1995 hat Manfred Mergel zum ersten Mal einen Gottesdienst in schwäbischer Mundart gehalten – und zwar in der St. Veit-Kirche in Gärtringen. Zum 20-Jahr-Jubiläum kehrt der evangelische Pfarrer an seine alte Wirkungsstätte zurück: "So isch na au wieder!", lautet das Thema des Gottesdienstes am Sonntag, 11. Januar. Der 55-Jährige ist der Meinung, dass der Dialekt zum besseren Verständnis des Gesagten beitrage. Nur beim "Vater unser" redet der Pfarrer lieber Hochdeutsch.

Herr Mergel, früher war Latein die Sprache der Kirche, Sie schwätzen im Gottesdienst schwäbisch. Warum?

Schwäbisch ist die Umgangssprache in dieser Region. Es sprechen zwar nicht mehr alle schwäbisch, aber die Mehrheit versteht es. Mir ist schon als Vikar aufgefallen, dass meine akademischen Predigten die Leute überfordern und dass es besser ankommt, wenn ich Erlebnisse aus dem Alltag auf Schwäbisch wiedergebe. Ich tausche nicht nur die Sprache aus, also Schwäbisch gegen Hochdeutsch. Ich behaupte, das ist ein ganz neuer Ansatz von Kirche: eine Kirche, die die Sprache der Menschen spricht und nicht über ihre Köpfe hinweg. Es wird ja allgemein kritisiert, dass die Ansätze der Reformation in der Kirche nicht mehr weitergeführt worden sind – nämlich, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Wie läuft ihr Mundart-Gottesdienst ab?

Ich mache fast alles auf Schwäbisch. Bis auf das "Vater Unser", das haben die Menschen auswendig auf Hochdeutsch im Ohr, auf schwäbisch würde es sie nur verwirren. Lieder aus dem Gesangbuch verändere ich auch nicht. Ich nehme mir oft Sprichwörter oder Redensarten zum Thema, die lassen sich kaum auf Hochdeutsch übersetzen. Mit dem Motto "So isch na au wieder!" greife ich am Sonntag etwa die allseits bekannte Formulierung der schwäbischen Relativitätstheorie auf. Bei uns gibt es weniger entweder – oder, sondern mehr sowohl – als auch. Das ist urschwäbisch, und das versuche ich, von allen Seiten zu beleuchten. Im Leben ist im Grunde alles relativ.

Wie kommt ihr Gottesdienst beim Volk an?

Vor 20 Jahren habe ich in Gärtringen mit zwei Sätzen im Blättle angekündigt, dass ich einen Gottesdienst auf Schwäbisch halten möchte. Der Mehrheit hat es gefallen. Damals wurde eine Kassette aufgenommen, beim zweiten Mal war schon das Radio da. Es hat schnell Aufschwung genommen. Aber es gibt eine Minderheit, die es unterbinden würde. Mundart ist etwas Emotionales und löst deshalb auch Emotionen aus. Dialekt liegt einerseits im Trend und wird sogar in der Werbung verwendet. Andererseits hat er in Württemberg immer noch das Gschmäckle des Bäurischen und Ungebildeten. Das sehe ich nicht so: Wir Schwaben sind nicht dumm.

Das Gespräch führte Katrin Haasis.

Arbeit. Manfred Mergel ist seit 1. September 2014 Pfarrer in Dornstetten bei Freudenstadt. Außerdem ist ein Teil seiner Stelle für die kirchliche Mundartarbeit reserviert. Sein jüngstes Buch zum Thema heißt "Wortschatz". Der Gottesdienst am Sonntag, 11. Januar, in der Gärtringer St. Veit-Kirche beginnt um 10 Uhr.