„Schwäbisch ist nicht banal“

Dornstetten-Aach (Dekanat Freudenstadt) – Die Mundart hat einen prominenten Unterstützer: Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Das freut Pfarrer Manfred Mergel. Seit Jahren ist er ein großer Verfechter des Schwäbischen – und hat deshalb schon viel einstecken müssen.
Von Bärbel Altendorf-Jehle

„Tragen Sie Ihr schwäbisches Herz ungeniert auf der Zunge“, fordert Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Pfarrer Mergel macht das, sogar von der Kanzel herunter. Er will dabei nicht die hochliturgische Gottesdienstsprache verdrängen, er möchte sie vielmehr ergänzen. Als der bekannte Mundartpfarrer, der eine 60 Prozent-Stelle in Aach hat, 1995 erstmals einen kompletten Gottesdienst in Schwäbisch hielt, wurde er hart kritisiert.
Die wenigsten nahmen ihn ernst, einige machten ihn lächerlich und ein alter Mann meinte: „Ich kann Schwäbisch, das brauchen Sie mir nicht beibringen.“ Da tat ihm der alte Herr Unrecht, denn das war und ist nie die Intention des Pfarrers. Er will, dass der schwäbische Dialekt nicht verloren geht, er will ihn bewahren, pflegen und den Menschen Mut machen, Mundart zu sprechen. Und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, mit der es die Schweizer tun. Er selbst ist so erzogen wie viele im Schwabenland. „Die Mütter schenken uns meist unsere Sprachverwurzelung, aber sie sind es auch oft, die dann sagen: Schwätz aber anständig.“ Im Kindergarten werden die Kleinen dazu angehalten, in der Schule sowieso. Mergel: „Die Mundart ist wie ein Paar Hausschuhe, man lässt sie daheim. Mundart gilt als ungebildet.“
Und: „Auf dem Sportplatz oder am Stammtisch hat keiner etwas dagegen, wenn Schwäbisch gesprochen wird. Aber im Gottesdienst empfinden das die einen als unerhört, andere als niveaulos oder anbiedernd und die nächsten glauben, damit nehme man dem Gottesdienst den nötigen Ernst.“
All das bekam er bei seinem ersten schwäbischen Gottesdienst zu hören. Doch, erzählt ¬Mergel schmunzelnd, die beim Gottesdienst aufgenommenen Kassetten machten damals bei Menschen die Runde, die sie sonst nicht anforderten – und waren so wochenlang in der Gemeinde präsent.
„Ich kann die Gottesdienste nicht ausschließlich auf Schwäbisch halten“, erklärt der Pfarrer. Dadurch würde er Menschen, die Schwäbisch nicht verstehen, ausschließen. Wenn er schwäbische Gottesdienste anbietet, sind das besondere Gottesdienste, die auch gesondert angekündigt werden. So kann jeder entscheiden, ob er kommen möchte oder nicht. Die Vorbereitung dafür ist aufwendig, denn in der Kirchensprache gibt es Ausdrücke, die gar nicht ins Schwäbische übersetzt werden können.
„Für manch eine akademische Rede wäre es gut, wenn der Redner sie zuvor ins Schwäbische übersetzten würde und dann wieder zurück ins Schriftdeutsche. Dadurch würde sie verständlicher“, sagt Mergel. Er spricht sich gegen die Überfrachtung mit Fremdwörtern und verkopfte Reden aus, mit denen sich Akademiker hinter ihre Gelehrtheit verschanzten.
Der schwäbische Dialekt werde oft im Klamauk und Witz verwendet. Doch das Schwäbische sei nicht banal und die schwäbische Sprache halte auch auf dem Friedhof stand. Auf ausdrücklichen Wunsch, entweder des Verstorbenen oder der Hinterbliebenen, hat Manfred Mergel auch schon Beerdigungen auf Schwäbisch gehalten. Manfred Mergel hat vor 25 Jahren mit seiner ersten Predigt und mit seinen nunmehr neun schwäbischen Büchern etwas angestoßen, das Wirkung zeigt. Wenn er jetzt landauf landab seine Predigten hält, sind die Kirchen voll. Das freut ihn natürlich, aber er will nicht als Exot gelten, er will keine Show daraus machen. Er hätte es gern, dass es normal wird.
Manfred Mergel sieht im schwäbischen Dialekt ein Kulturgut. Er möchte, dass kein Kind ausgelacht wird, weil es Schwäbisch spricht, sondern dass es unterstützt und Schwäbisch zu einem Unterrichtsfach in der Schule wird. Dass der Dialekt nicht ausstirbt, sondern erhalten bleibt. Wie sagt Winfried Kretschmann: „Wir müssen nicht nur die Artenvielfalt von Flora und Fauna erhalten. Der Mund-Artenschutz gehört genauso dazu.“
So freut sich Pfarrer Mergel sicher auch darüber, dass der baden-württembergische Landtag ein Bekenntnis zur vielfältigen Mundartenlandschaft abgeben will. Dies sieht ein Antrag vor, den Grüne, CDU, SPD und FDP im Parlament einbringen wollen. Diskutiert werden soll das Thema übrigens in den jeweiligen Dialekten der Abgeordneten.

Gottesdiensttermine im Internet unter www.mundartpfarrer.de

Manfred Mergel sieht im schwäbischen Dialekt ein Kulturgut. Foto: Bärbel Altendorf-Jehle