Relativitätstheorie und Schwäbisch

Gärtringen: Mundart-Gottesdienst mit Manfred Mergel zum 20. Mal

Gäubote, 13.1.2015 - von Renate Mehnert

Klartext am Sonntagmorgen in der St. Veit-Kirche Gärtringen: Zum 20. Mal hielt der evangelische Pfarrer Manfred Mergel aus Deckenpfronn vor voll besetzten Reihen einen Gottesdienst auf Schwäbisch. Thema: Erläuterungen zur Einstein'schen Relativitätstheorie am Beispiel der armen Witwe, die ihre letzten zwei Scherflein für andere weggab.

Zahlreiche Besucher ließen sich am Sonntagmorgen den Mundartgottesdienst von Pfarrer Manfred Mergel in der Gärtringer St. Veit-Kirche nicht entgehen. Zum 20. Mal seit dem 15. Januar 1995, als er in Gärtringen seinen ersten Gottesdienst auf Schwäbisch hielt, predigte der Geistliche in Mundart. Damals, erinnerte Manfred Unger, der Vorsitzende des evangelischen Kirchengemeinderates, habe es Stimmen gegeben, ob ein Gottesdienst in dieser Form denn sein müsse. Die Resonanz auf Mergels Vorhaben zeige jedoch: Das Vorhaben, das Wort Gottes ins Schwäbische zu übersetzen und so die Leute in die Kirche zu bringen, ist aufgegangen. Die Predigten im Dialekt hätten von Mal zu Mal mehr Gottesdienstbesucher hören wollen, so Unger im Rückblick.

Am Sonntagmorgen war dies erneut sichtbar, als der Pfarrer im voll besetzten Gotteshaus Besuchern aller Altersstufen die schwäbische Erkenntnis "So isch‘s no au wieder" – eine anscheinend unbegrenzt gültige Weisheit – erläuterte. Alles habe zwei Seiten, immer gebe es verschiedene Möglichkeiten und Wahrheiten. Und dazu habe jeder, abhängig vom Horizont, seine eigene Sichtweise. Der Schwabe denke dialektisch, machte Mergel deutlich: "Er denkt manchmal ums Eck rom." Für ihn gehörten die Widersprüche dazu. Heidi und Roland Bühler beschrieben teilweise humorvolle Variationen der vielgestaltigen Erkenntnis "So ich‘s no au wieder".

Bei seinen Auslegungen zur Geschichte aus dem zwölften Kapitel Markus, Vers 41-44 von der armen Witwe, die – anders als Reiche – ihre letzten beiden Heller in den Opferkasten gab, bezog sich der Theologe auf heutige Verhältnisse. Man dürfe Freude haben am Leben, sich ruhig etwas leisten, meinte er. Aber, so der Mundart-Prediger eindringlich: "Wenn's druff a'kommt, zählt net, was du hasch, nur was du bisch! Daher bau' und vertrau' ganz auf ihn. Denn das letzte Hemd hat keine Taschen – so isch's no au wieder!" Der 1959 in Göppingen Geborene, der etliche Schriften auf Schwäbisch veröffentlicht hat, entdeckte seine Aufgeschlossenheit zu Mundart-Predigten während seiner Vikariatszeit in Tübingen und auf der Schwäbischen Alb. Seine Überzeugung, Schriftsprache könne der Fülle und Tiefe menschlicher Gefühle niemals gerecht werden, veranlassten ihn, sich den Menschen beim Gottesdienst in ihrer Mundart zuzuwenden. Sein Credo dabei: "Dialekt schafft Herzlichkeit und Wärme." Manfred Mergel, von 1994-2002 Pfarrer in Gärtringen und nun in Deckenpfronn lebend, ist derzeit als Pfarrer in Aach im Schwarzwald und außerdem in der Erwachsenenbildung tätig.

Zu seinem Gottesdienst in der St. Veit-Kirche wurde er von Manfred Unger wie ein alter Freund begrüßt. Nach seiner ersten Mundart-Predigt im Jahr 1995 habe man einen Neuanfang verspüren können: "Damals gab es einen richtigen Aufbruch in unserer Kirche", erinnerte sich während seiner Begrüßung der Vorsitzende des Kirchengemeinderats. Dieser frische Wind wirkte auch am Sonntagmorgen noch. Eine der zahlreichen Gottesdienstbesucherinnen war Gretel Schäberle. Die jung gebliebene 70-jährige Urgärtringerin bekannte: "Ich gehöre zu seinen Fans und bin heute speziell wegen ihm gekommen."

So wie ihr ging es vielen: Zahlreiche Anwesende waren sogar von weiter her angereist, um in St. Veit Mergels verständliche Auslegungen zur Relativitätstheorie auf Schwäbisch "So isch‘s no au wieder!" zu hören.