Raus aus der Tretmühle des Alltags

Lesung / Pfarrer Manfred Mergel wirbt im Gesundheitspark Hohenfreudenstadt für Entschleunigung

 

Schwarzwälder Bote, 01.07.2016 – von Gerhard Keck

Wer möchte das nicht: einmal heraustreten aus der Tretmühle des Alltags, die Fesseln der Pflichten abstreifen, Kopf und Herz öffnen für die Schönheiten der Natur.

 

Freudenstadt. Der Aacher Pfarrer und Erwachsenenbildner Manfred Mergel nahm sich vor über fünf Jahren eine kurze Auszeit und begab sich auf eine Tour mit der Postkutsche durch Oberschwaben. Im Gesundheitspark Hohenfreudenstadt las er aus seinem kleinen Buch "Der Charme der Langsamkeit", das aus dem Reisetagebuch entstand.

 

Klinik-Geschäftsführer Carsten Dryden begrüßte neben dem Autor die Instrumental- und Gesangsgruppe „Jesustruckers“ aus der evangelischen Kirchengemeinde Aach. Die jungen Leute untermalten Mergels Lesung mit eingängigen Liedern, die ihren Glauben hörbar machten. Das Werk ist ein Plädoyer für die Entschleunigung. Im Stil einer sprachlich ausgefeilten Reportage zeigt Manfred Mergel auf, wie Gedankenfreiheit und Assoziationen durch die viertägige Landpartie begünstigt werden.

 

Die Fahrt mit der Postkutsche auf den Spuren der Königlich Württembergischen Post in Oberschwaben ist eine Reminiszenz an Zeiten, die heute nostalgisch anmuten. Von Isny über Leutkirch und Bad Wurzach führt die Route nach Ochsenhausen. Den Gegensatz macht auch die Einstellung der Leute unterwegs erkennbar. Hier winken die Menschen in den Dörfern und auf den Feldern den Fahrgästen in den beiden Pferdekutschen zu, dort drängeln ob der Langsamkeit genervte Autofahrer, die dringend Strecke machen müssen.

 

Seine Reise ist ein Geschenk zum runden Geburtstag. Mergel hat sie sich gewünscht. Er hat sich monatelang darauf gefreut, nicht nur, weil "den sparsamen und bescheidenen Schwaben" die Exkursion nichts gekostet hat.

 

Die Kutscher tragen mit ihrer Gelassenheit zur allgemeinen Entspanntheit bei und würzen die Pausen mit allerlei Überraschungen. Das wirkt sich auf die gute Laune der Fahrgäste aus: Gespräche verkürzen während der Reise und am Ende der Tagesetappen die Zeit – man kommt einander näher. Das Hufgetrappel in gleichbleibendem Rhythmus macht schläfrig. Die Zeit ist weitgehend ausgeblendet. Gott und die Welt kursieren in den Gedankengängen.

 

So manche künstliche Aufgeregtheit des Alltags, die Energie und Zuversicht lähmt, ist für eine gewisse Zeitspanne ausgeblendet. Staunen über die Schönheit von Landschaften und Natur greift sich Raum. Mergel kann sich auf das Wunder der Schöpfung einlassen. Die biblische Überlieferung nimmt für ihn unübersehbar Gestalt an. Die Mußestunden ohne jede Hektik befördern auch literarische Bezüge an die Oberfläche: Der Autor zeigt, dass er beispielsweise seinen Mörike, Tucholsky und Hesse kennt. Manfred Mergels Reise mit der Kutsche, die mit der anschließenden Fahrt auf dem dampfenden "Öchsle" von Ochsenhausen nach Warthausen einen weiteren Höhepunkt erfährt, lässt ihn in Anspielung an Eric Malpass den "alten Tyrannen, die Zeit" gelegentlich vergessen. Auf der Heimfahrt im Interregio-Express spürt der Reisende: "Die Zeit des Postillons liegt hinter mir – in doppeltem Sinne".