Mit schwäbisch besser ins Herz treffen

Deckenpfronn: Mundartpfarrer Manfred Mergel und Schauspielerin Dietlinde Ellsässer in der Nikolauskirche

Gäubote, 19.02.2018 - von Christiane Hornung

Komplett auf Schwäbisch gehalten war am Sonntag der Gottesdienst in der Deckenpfronner Nikolauskirche. Mundartpfarrer Manfred Mergel machte Station in der Gemeinde, die Tübinger Schauspielerin Dietlinde Ellsässer kommentierte die Predigt, die sich mit dem Thema „Neid“ befasste.

Die Mundartarbeit macht dabei nur einen kleinen Teil innerhalb des Wirkens von Manfred Mergel aus: Neben seiner Tätigkeit als Pfarrer in Aach fungiert er als Geschäftsführer des Freudenstädter Bildungswerks. „In die Mundartarbeit investiere ich mein Ehrenamt“, rund sechs bis acht Gottesdienste halte er jährlich im schwäbischen Dialekt. „Das Evangelium kann man so leichter weitergeben“, ist sich Mergel sicher; mit Hilfe des Dialekts „redet man nicht über die Köpfe hinweg“. Durch das Schwäbische „ist man eher bei den Leuten, man trifft das Herz“.

„Bisch neidisch?“, war die Frage, die sich wie ein roter Faden durch den Gottesdienst zog und Bezug auf das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg nahm, die – obgleich sie ihre Arbeitskraft unterschiedlich lange aufwendeten – am Ende des Tages denselben Lohn kassieren. In seiner Predigt ging Mergel den Ursprüngen und Auslösern des Neides nach – ein Gefühl, das allgegenwärtig ist, schließlich sei jeder Mensch ein „geborener Neidhammel“. „Niemand ist mit seinem Los zufrieden“, erkannte dabei schon Martin Luther, „jeder hodd ebbes zom Bruddla“, wie es Manfred Mergel auf den Punkt brachte. Dabei sei der Neid so alt wie die Menschheit selbst.

Auch die Bibel weiß von Begebenheiten zu berichten, in denen der Neid als treibende Kraft fungiert. Der Mord Kains an Abel oder der Verkauf Josefs durch seine Brüder thematisieren das Gefühl ebenso wie die Erzählung, die von Jesus berichtet, der zwischen Maria und Martha zu vermitteln hat. Der Mensch müsse lernen, mit dem Neid umzugehen, jenem „starren Gefühl“, das die ganze Person beherrsche, so Mergel weiter. Der Mensch trachte danach, stets über alles Bescheid wissen zu müssen, um Vergleiche anstellen zu können, die als Antriebsfeder des Neides fungieren, „aber mr ko net Äpfel mit Birna vergleiche“. Schließlich münde das Wissen um das Gehalt eines Fußballers oder Vorstandsvorsitzenden wohl kaum in einen höheren Verdienst für den Einzelnen.

Nichtsdestotrotz habe der Neid durchaus auch seine guten Seiten: Wissenschaft und Technik habe er entschieden vorangebracht, die Beobachtung der Vögel etwa habe in die Erfindung des Flugzeugs gemündet. Bei der Ambivalenz des Neides gehe es darum, stets „das gesunde Maß zom finda“.Der Vergleich mit anderen verleite dazu, sich stets als Zukurzgekommenen zu sehen, aber „mr sieht immer bloß dra na, net nei“. Anstatt neidisch zu sein, solle sich der Mensch auf die Dankbarkeit verlegen. Mergel: „Sei lieber dankbar. Net jeder kann älles, i han meine Gaben ond du hosch deine.“ Dankbarkeit mache glücklich, „net wer glücklich isch, isch dankbar, sondern wer dankbar isch, isch glücklich“. Neid selbst sei dabei ein Thema, „des es offiziell gar net gibt“ – obwohl weit verbreitet, werde über den Neid gern geschwiegen. Dabei appellierte Mergel an die Besucher des Gottesdiensts, anders über den Neid zu denken. Anstatt zu vergleichen, solle man sich mit anderen freuen und auch einmal ein Lob äußern.

Humorvoll und leicht kam die Predigt in schwäbischer Mundart daher. Dietlinde Ellsässer, die das Gesagte im Anschluss kommentierte, nahm die Grundstimmung auf und brachte ihre eigenen Gedanken zum Thema Neid vor. Die Schauspielerin und Kabarettistin hatte den Mundartpfarrer über „Alpha und Omega“ kennengelernt: „Er erzählte mir, dass er einen schwäbischen Gottesdienst mache und fragte, ob ich die Predigt kommentieren könne.“ Der Katholikin gefiel die Idee, „als Frau in der Kirche zu predigen“: „Bei ons machet des die Frauen nur dahoim, ond des isch dann Schelte.“ Neid habe immer mit der Orientierung am Besitz der anderen zu tun, „mr denkt emmer, es wär besser, wenn mr des hodd, wo d’ andre hen, ond dann hen die scho wieder ebbes Bessers“.Neid indes sei im Gesicht eines Menschen abzulesen. Ellsässer appellierte daran, das „schönste Schmuckstück“ vor dem Gang aus dem Haus erst einmal zu überprüfen: Wer mit Selbstliebe aufwarten können, werde auch von seinen Mitmenschen geschätzt. „Zeit, Freude, Liebe ond Humor“, gab Dietlinde Ellsässer der Gemeinde mit auf den Weg, „des macht ons freindlich, net hässlich.“

Pfarrer Manfred Mergel und Schauspielerin Dietlinde Ellsässer beim Mundartgottesdienst in der Nikolauskirche. GB-Foto: Bäuerle