Mit der Postkutsche durch Oberschwaben

Deckenpfronn: Dialektprediger und Autor Manfred Mergel liest aus seinem neuen Büchlein

 

Gäubote, 07.11.2016 – von Rüdiger Schwarz

Sofern man in einer offenen Kutsche sitzt, sich von zwei Pferden durch die Natur rollen lässt, lernt man das Staunen wieder neu. Seit sich Mundart-Pfarrer und Theologe Manfred Mergel ein Herz fasst, sich auf eine Postillion-Tour von Isny nach Ochsenhausen aufmacht, sind weit mehr als fünf Jahre ins Land gegangen. Die "kleine Auszeit" klingt heute noch nach, wie eine Lesung in der Deckenpfronner Zehntscheuer zeigt.

Ehedem sind sie die unangefochtenen Herrscher der Landstraßen, die Postkutscher, die mit ihrer schwarz-gelb-roten Uniform für die "Königliche Württembergische Staatspost" unterwegs sind. Dann macht ihnen der Siegeszug der Dampflokomotive, die das industrielle Zeitalter einläutet, den Garaus. Immer schneller, immer höher, immer weiter, der Raum wird in Fluchtgeschwindigkeit erobert, ab jetzt rast die Zeit im Sauseschritt dahin, wird zusammengestaucht, Fließband und Stechuhr übernehmen das Ruder in der Arbeitswelt, Zeit ist Geld, Geld ist alles.

Auf den Turbokapitalismus folgt die digitale Revolution, ein Geschwindigkeitsrekord jagt den nächsten, die Beschleunigung der Lebenswelt hat ihren Preis, die Sicht auf die Welt verändert sich, so verflüchtigt sich beim Blick aus einem dahinschießenden Hochgeschwindigkeitszug die Landschaft, sie wird unscheinbar, löst sich auf. Und der Mensch? Der scheint als postmoderner Nomade immer auf dem Sprung, überall und nirgendwo, tausendfach vernetzt, immer auf Empfang, doch ohne Bezüge und Halt zu sein.

Just vor diesem Hintergrund entfaltet Manfred Mergels neues Büchlein den betörenden "Charme der Langsamkeit", nicht zuletzt weil es ein persönliches, aus der subjektiven Warte geschriebenes kleines Reistagebuch aus fein beobachtenden Wahrnehmungs- und Erlebnisskizzen geworden ist. Und so versprüht das schmale Bändchen noch einen völlig anderen Charme – den der beschaulichen Leichtigkeit des Seins. Also macht man sich mit dem in Deckenpfronn beheimateten Autor auf nach Isny im Allgäu, von wo aus die viertägige Tour per Kutsche, Kutscher und Pferd starten soll. Gas rausnehmen, Ruhe einatmen, selbst wenn dieses Gefühl den Reisenden erst einmal "irritiert". Das Zauberwort heißt: Entschleunigung.

Manfred Mergel trudelt – ganz bewusst – via Stuttgart mit Interregio, Bus und Bimmelbahn am Zielort ein. Später wird ihm die Geschichte über einen hochrangigen Manager zugetragen. "Der reist mit Flugzeug, Taxi von Holland über Stuttgart nach Isny an, brauchte dort ewig, bis er zur Ruhe kam", erzählt Mergel. Die Endstation Isny wird zur Endstation Sehnsucht. Auf den protestantischen Württemberger harrt im katholischen Oberschwaben Genuss, Lebenskunst, Zeit im Überfluss. Die reicht vom Hotel mit Panoramablick, üppigem Büfett, Sektempfängen noch und nöcher über den Anblick von weidenden Lämmern am Wegesrand, auf Schleppern tuckernden Bauern bis zur Baumallee mit Schloss, verheißungsvoll klingenden Ortschaftsnamen wie Bellamont und der Passage durch eine sich selbst überlassene Hochmoorlandschaft. Platz genommen wird in einem Landauer, einem Nachbau, auch die beiden Kutscher auf dem Kutschbock tragen eine original nachgeschneiderte Bauerntracht von anno 1850. Die Uhren der Zeit lassen sich nicht zurückdrehen, hinter der viertägigen Landpartie steckt selbstredend auch die Geschäftsidee einer "kleinen Auszeit für zivilisationsgeschädigte und nostalgisch angehauchte Wohlstandsbürger". Sei‘s drum, ein Kutscher, der Theodor Storm und Gottfried Keller zitiert, Erinnerungen, wie man als kleiner Bub den Most in einem Krug aus dem Keller holte, Mostverkostung und ofenfrisches Gebäck beim Halt am Waldrand sind Entschädigung genug. "Was braucht der Mensch mehr?", befindet der Erzähler.

Die Route von Isny nach Ochsenhausen wird für Manfred Mergel zur kleinen Schule des Sehens und der Lebensphilosophie. Er studiert den Gesichtsausdruck der Autofahrer, die sich an den beiden Postkutschen vorbeimogeln müssen, er stellt Betrachtungen über das standesgemäße Winkverhalten aus so einem offenen Landauer an. Nützlich oder unnütz spielt keine Rolle mehr, die Gedanken mäandern dahin, das gleichmäßige Getrappel der Pferdehufe, das Knarzen der Kutschräder dringen ins Ohr, all die gesammelten kleinen Eindrücke und Szenen, die einem unter einer "modernen Reisegeschwindigkeit" längst nicht mehr ins Auge springen, rufen bei Mergel eine ungewohnte, doch angenehme Schläfrigkeit hervor.

Der Mann aus pietistisch geprägten Gefilden fängt an, das Laissez-faire einer oberschwäbischen Landpartie in vollen Zügen zu genießen. "Einfach schön, dass wir keinen Fahrplan haben, der uns Pünktlichkeit abverlangt. Die genaue Abfahrtszeit wird auf Zuruf festgelegt. Ein paar Minuten früher oder später – das spielt keine Rolle", hält der Reisende in seinen Notizen fest. Mergel fühlt sich wie weiland die "Helden" aus Kurt Tucholskys Erzählung "Schloss Gripsholm": Einfach auf der Wiese liegen, die Seele baumeln lassen. Klar wird jedoch auch: Wer entschleunigen will, muss sich selber aushalten und zugleich von sich ablassen können. Nur der spürt die "Poesie des Reisens", der "den alten Tyrannen, die Zeit" für den einen oder anderen liebgewonnenen Augenblick vergisst.