Hochdeutsch macht die Pointe kaputt

Pfarrer Manfred Mergel hat die Mundart als große Leidenschaft / Am Sonntag Gottesdienst auf Schwäbisch

Schwarzwälder Bote, 22.1.2015 - von Claudia Müller

Dornstetten-Aach. Der Aacher Pfarrer Manfred Mergel erzählt Menschen gerne von Gott. Wenn er die Gelegenheit dazu hat, auch mit Gottesdiensten in seiner Mundart – schwäbisch. Am morgigen Sonntag, 18. Januar, feiert er sein 20-jähriges Mundart-Predigt-Jubiläum. Mit einem rein schwäbischsprachigen Gottesdienst.

„Wir sprechen uns aus der Seele, wenn wir Mundart sprechen“, sagt Mergel. Bis ein neuer Gottesdienst in schwäbischer Sprache fertig ist, dauert es etwa ein Vierteljahr. Bis dahin sammelt Mergel, parallel zu seinen anderen Aufgaben, was ihm zum neuen Gottesdienst-Thema in die Hände fällt. Der Dialekt schaffe Herzlichkeit und Wärme, so Mergel.

Dass der geborene Göppinger einmal die Mundart so für sich entdecken würde, war nicht abzusehen. Im Gegenteil: Während seines Studiums in Tübingen und Hamburg kam der Schwabe zunächst weitgehend vom Dialekt weg. Erst während seines Vikariats auf der Schwäbischen Alb ist der Knoten geplatzt, und Manfred Mergel begann, seine Verkündigung zunehmend schwäbisch zu gestalten.

Er wollte den Gemeindegliedern etwas für den Alltag mitgeben und dafür auch Beispiele aus ihrem Alltag erzählen. Mit mundartlichen Gottesdiensten ging das, nach seinem Erleben, besser. In den Begegnungen, die er im Gottesdienst schilderte, war kein Wort Schriftdeutsch gefallen. „Und in einer hochdeutsch gehaltenen Predigt war dann immer die Pointe kaputt“, erinnert sich der heute 55-Jährige an die Anfänge. So kam es, dass er immer wieder die Predigt, und auch ganze Gottesdienste, auf Schwäbisch hält. Das kommt an. Aus etlichen Orten der württembergischen Landeskirche erreichen ihn Anfragen, ob er einen Mundart-Gottesdienst halten würde. Das tut er etwa alle sechs Wochen. Die meisten Zuhörer freuen sich, dass sie durch die Mundart bis in die Sprechgewohnheiten hinein ernst genommen werden. Dass der Dialektprediger aus Leidenschaft sich so für die Mundart einsetzt, heißt nicht, dass er gegen Schriftdeutsch als solches etwas hat. Hohlsprech und aufgesetztes Geschwätz hingegen ärgern ihn – nicht nur im Hinblick auf Gottesdienstansprachen.

„Was ich will, ist eine diakonische Sprache, also eine, die den Menschen dient“, so Mergel. Wenn man sich mit einem Engländer unterhalte, bemühe man sich ja auch, Englisch zu sprechen. Trotz mancher Kritik, Manfred Mergel ist gerne Pfarrer der württembergischen Landeskirche. Sein Einsatz wird zunehmend anerkannt. So freut sich der Pfarrer, dass Landesbischof Frank Otfried July ein Geleitwort für sein jüngstes Buch, „Wortschatz – eine schwäbische Gemeindepastoral“, beigetragen hat. Neben grundsätzlichen Überlegungen zur Predigt in der Mundart enthält das Buch aus dem LIT Verlag etliche von Mergels schwäbischen Predigten.

Wer wissen will, wie ein Gottesdienst auf Schwäbisch klingt, hat dazu morgen ab 10:00 Uhr in der Andreas-Kirche in Aach Gelegenheit. Unter der Überschrift „So isch s na au wieder“ geht es um die Geschichte vom Scherflein, also dem Opfer der Witwe. Beim anschließenden Ständerling gibt es Gelegenheit zu Gesprächen und Begegnungen. Für alle, die gerne nach der Predigt noch etwas anderes auf Schwäbisch lesen wollen, hat Manfred Mergel vor ein paar Jahren eines seiner Lieblingsbücher ins Schwäbische übertragen: „Dr kleine Prinz schwäbisch“ – ein Plädoyer für Freundschaft und Menschlichkeit.