Halt von der Katz die Stiege runtergeschleift

Mundart / Pfarrer Mergel über die Liebe

Freudenstadt-Dietersweiler. "Liebesgeflüster – Mir Schwaben und die Liebe" lautet das Programm, mit dem Mundart-Pfarrer Manfred Mergel und zwei Musikerinnen am Samstag in Dietersweiler auftreten. Ha no! Was hat es damit auf sich? Wir fragten ihn.

Herr Mergel, wie kamen kleine Schwaben in Ihrer Jugend zur Welt – als Paketlieferung vom Storch oder durch Osmose?
Je nachdem. Manchmal kam der Storch aus Tripsdrill. Manchmal "d' Katz, wo ebber d’ Bühnestieg runterschleift". Mein Bruder war der Meinung, die Mutter hätte mich im Krankenhaus "rausg’sucht".

Wann und wodurch haben Sie den Verdacht bekommen, dass es noch andere Wege geben könnte?
Interessanterweise durch den Religionsunterricht eines liberalen Theologen. Außerdem riss unsere Frau Pfarrer ein paar Seiten aus dem Biologiebuch ihres Sohnes heraus.

Ihr Programm "Liebesgeflüster – Mir Schwaben und die Liebe" bezeichnen Sie als befreiende Selbsttherapie. Was genau lag Ihnen denn von Kindheitstagen an auf der Seele?
Sexualität war das Tabuthema schlechthin. "Dodrüber schwätzt mr net", sagte mein Vater. Im kirchlichen Jugendkreis haben uns die Pfarrer eine bestimmte biblische Lektüre untersagt – das Hohelied Salomos. "Des verstandet ihr no net", wurde uns barsch mitgeteilt. Körperliche Liebe war immer negativ besetzt, unchristlich. Allein der Gedanke an Liebe, an Sexualität, an Zärtlichkeit sollte in uns das schlechte Gewissen wecken. Liebe war Sünde. Punkt.

Sebastian Blau alias Josef Eberle gab auch Einblicke in schwäbische Leidenschaft. Bei Blau klingt das nicht sehr liebevoll. Geht unserem Volksstamm hier etwas ab? Sind wir von Haus aus freudlos und "verdruckt"?
Ja, leider! Ich bin ein ziemlich ernster, oft verdruckter Mensch. Lieber analysiere ich etwas, als dass ich mich einfach darüber freue. Wenn der Schwabe mal leidenschaftlich wird, kann es schnell derb werden. Das stimmt. Uns fehlt meist die romantische Ader, es ist literarisch belegt.

Woran liegt das eigentlich?

Vermutlich an den Lebensverhältnissen, die in Württemberg, speziell auf der Schwäbischen Alb, traditionell karg und fromm waren: "Gottes Armut in ma Säckle!"

Vererbt sich das oder ist das heutzutage anders?

Inzwischen ja. Die junge Generation hat andere Sorgen. Sie kennt all die Umstände nicht mehr, die zu einer sexuellen Revolution geführt haben. Wenn ich als alter Knopf davon erzähle, löst es nur noch ein Lächeln oder Verwunderung aus. Ich möchte meine eigene Verklemmt- und Verdrucktheit nicht weitergeben. Allerdings fällt es mir schwer. Ich habe nie eine Sexualerziehung erlebt. Bewusst achte ich darauf, dass ich nicht überziehe. Sebastian Blau wendet sich nicht nur gegen eine verdruckte Sexualität. Er karikiert genauso die bereits zu seiner Zeit aufkommende "Sexwelle". Beides liegt auch mir am Herzen. Ich möchte meine eigene, bürgerlich wie kirchlich geprägte Spießigkeit auf die Schippe nehmen und die für mein Empfinden überzogene Sexualisierung der Gegenwart.

Wie drückt der Schwabe, Männlein wie Weiblein, seine Zuneigung aus?

Mit der schönsten Liebeserklärung auf Erden: "Schätzle, i mag di!" Oder, wenn die Gefühle mit mir durchgehen: "Du, i mag di fei!" Damit wachse ich als schwäbischer Liebhaber emotional über mich hinaus.

Können Sie heute ohne Hüsteln oder Kloß im Hals auf jemanden zugehen und sagen: Ich liebe Dich?
Nein, das würde nicht zu mir passen als Urschwabe. Ich bin, wie ich bin.

Als Pfarrer: Was glauben Sie, was Gott zum Thema Liebe und Sex sagen würde? Macht euch mal locker?

Ja und nein! Das klingt mir zu flapsig! Er würde sagen: Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du liebhast und lass dein Herz guter Dinge sein (Prediger 9,9 und 11, 9). Gott ist Gott. Er ist nicht einfach ein lockerer Typ. Er ist mein Schöpfer, Heiland und Erlöser. Gott ist der Sinn meines Lebens. Deshalb nenne ich ihn allein einen Schatz. Mei Frau isch mei Schätzle. Weil ich aber glaube, dass der liebe Gott lieber schwäbisch schwätzt als hochdeutsch, muss ich an meine Oma denken. Sie würde heute vielleicht doch locker sagen: "Weißt, Bub, Sex isch arg schön, aber au bloß a Weile."

 Die Fragen stellte Volker Rath.

Zur Person. Manfred Mergel arbeitet auf der "beweglichen Pfarrstelle" des evangelischen Pfarramts Aach. Er ist 58 Jahre alt, stammt aus Göppingen, ist verheiratet und seit 1988 im Dienst der Württembergischen Evangelischen Landeskirche. Als Mundartpfarrer firmiert er seit 1995. Warum? "’s isch halt so naworda. I han’s net g’sucht. I han’s g’funda", sagt er selbst. Er schreibt und predigt gelegentlich schwäbisch, weil die Schriftsprache der Fülle und der Tiefe menschlicher Gedanken und Gefühle niemals gerecht werde.