En dr Kirch wird Schwäbisch gschwätzt

Bei der Nacht der offenen Kirchen sinnierte in Urbach Mundart-Pfarrer Manfred Mergel über Schwaben und die Liebe

Von Mathias Ellwanger


Urbach. Punkt 20.19 Uhr läutete die Glocke der Afrakirche und erstrahlte die Kirchturmspitze in hellem Glanz. Dies war der Beitrag der evangelische Kirchengemeinde Urbach zu dem achtzig Kilometer langen „Band aus Klang und Licht“ - so die Programmankündigung -, mit dem christliche Gemeinden von Neckarrems bis Essingen zu einer gemeinsamen Nacht der offenen Kirchen einluden.

Insgesamt fünf Urbacher Gemeinden nahmen an dieser ökumenischen Veranstaltungsreihe im Rahmen der Remstal-Gartenschau teil. Die Afrakirche war voll besetzt, als der Hausherr Pfarrer Klaus Dieterle die Besucher begrüßte. Diese hatten zur Einstimmung bereits am Kirchenportal ein Tütchen mit Gummibärchen und dem Aufdruck „En onsrer Kirch wird Schwäbisch gschwätzt“ erhalten. Nachdem er am Mittag bereits eine Hochzeit hatte, erklärte Dieterle in seinem breiten, leicht alemannisch angehauchten Schwäbisch unter Hinweis auf das geschmückte Kirchenschiff, passe das Thema des Abends, ein gleichermaßen humoriger wie tiefschürfender Vortrag von Mundartpfarrer Manfred Mergel zu dem Thema „Liebesgeflüster – Mir Schwaben und die Liebe“.

Mergel sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war, unüberhörbar in dem Filstaler Schwäbisch seines Geburtsorts Göppingen. „Das Leben ist fei kein Schleckhafen“, gab er seiner Zuhörerschaft eine Lebensweisheit zu bedenken, die er selbst von seiner Oma schon als Kind mit auf den Lebensweg mitbekommen hatte. Er wisse bis heute nicht, wie seine Mutter seinen älteren Bruder aufgeklärt hatte, aber als sie mit ihm aus dem Krankenhaus heimkam, habe dieser nur einen Blick auf das neugeborene Geschwisterle geworfen und erklärt: „Der gefällt mir nicht. Ich hätte mir einen andern ausgesucht!“ Liebe, Lust und Leidenschaft werde bei den Schwaben kleingeschrieben, sie handelten nachdenklich, bedächtig und überlegt. Selbst im Remstal sage man allenfalls „Ich mag dich“ und nicht „Ich liebe dich“, und dabei seien hier, wo der Wein wachse, die Menschen doch besonders lustig und lebensfroh.

Lust bekäme man vielleicht auf Salzfleisch oder Leberkäse, aber evangelische und gar lutherische Schwaben seien nun einmal keine Lebemenschen. Ein Kuss in einer schwäbischen Beziehung erwecke keinen Orkan, wie ihn zum Beispiel Helene Fischer in ihren Liedern „Ich will hundert Prozent“, „Von null auf Sehnsucht“ oder Queen in „I want it all“ beschreiben, sondern sei allenfalls Auftakt zu der Bitte, den Gelben Sack rauszubringen, das Auto auszusaugen oder die Garage aufzuräumen. Sehr gut beschrieb Andrea Berg nach Mergels Ansicht allerdings die schwäbische Mentalität in dem Schlager „Die Gefühle haben Schweigepflicht“. Geradezu „erotische Ursprache“ stelle die Aussage einer schwäbischen Ehefrau dar: „Ich mag meinen Mann und mein Mann mag mich. Aber wie mein Mann mich mag, geht niemanden etwas an!“

Allerdings entdeckte Mergel an seinen Landsleuten auch, dass sie, verglichen mit Italienern, womöglich Schlaftabletten wären, im Vergleich zu den Menschen aus Deutschlands Norden hingegen seien sie halbe Italiener, das heißblütigste aller Völker in Deutschland. Sie könnten es nur nicht rauslassen. Dies sollten sie jedoch, wenn sie alles könnten, außer Hochdeutsch. „Sagt euch, dass ihr euch liebhabt, sagt es euch nett, rechtzeitig, bevor es zu spät ist!“, gab Mergel seinem Publikum mit auf den Weg, das sich nach dem Glockenläuten zum gemeinsamen Imbiss auf dem Kirchplatz zusammenfand.

Präsentierte in der Afrakirche Auszüge aus seinem Programm „Liebesgeflüster“: Mundart-Pfarrer Manfred Mergel. Foto: Habermann