"Dr liebe Gott mog euch obacha!"

Mundartpfarrer Manfred Mergel über Vorurteile, verdruckte Schwaben, Martin Luther und Pray Days.

Er schwätzt Schwäbisch. Nicht nur zu Hause, auch in der Kirche und auf dem Friedhof. Ein Gespräch mit Manfred Mergel über die Chancen und Grenzen der schwäbischen Predigt.

Von Frank Rothfuss

Grüß Gott, Herr Mergel. Heißt es bei Ihnen an Weihnachten „Macht hoch das Türle“?
Ich bin bei meiner Gemeinde in Aach. Aber ich werde nicht Schwäbisch predigen. Das habe ich nur einmal an Weihnachten gemacht. Da war hinterher jemand furchtbar enttäuscht und kam zu mir: Herr Mergel, jetzt habe ich gedacht, ich könnte mir endlich mal in der Kirche auf die Schenkel klopfen. Und jetzt musste ich nachdenken.


Der Dialekt als billige Pointe?

Viele Leute denken, alles was mit Schwäbisch zu tun hat, ist Bauerntheater. Am Anfang hörte ich ständig das Vorurteil, jetzt machen sie auch noch Mundarttheater in der Kirche. Das mache ich nicht. Ich will zeigen, dass Schwäbisch komplizierte Zusammenhänge trägt.


Aber Schwäbisch ist doch sowieso die Sprache der Grübler, der Hin-und-her-Wender?

Ja, natürlich. Aber das Klischee ist ein anderes: Wer Schwäbisch schwätzt, ist weniger gebildet; wer Schwäbisch schwätzt, ist grobschlächtig. Dabei ist es nicht nur ein Dialekt, sondern eine eigene Sprache, eine sehr hintersinnige. Ich predige nicht oft auf dem Friedhof Schwäbisch, nur wenn es wirklich gewünscht wird. Und es geht. Sie können auch über den Tod sprechen. Das habe ich jahrelang nicht gewagt. Dann hat mich eine Konfirmandin gebeten: „Beerdigen Sie meinen Opa mit einer schwäbischen Predigt.“ Aber man muss vorsichtig sein und braucht viel mehr Zeit. Wenn Sie das schnell machen, laufen Sie Gefahr, religiöse Gefühle zu verletzen.


Inwiefern?
Einmal, ganz am Anfang, habe ich in einer Predigt das Wort jesesmäßig verwendet, ein Synonym für saumäßig. Da haben sich sofort Leute beschwert nach der Predigt. Bei einer Beerdigung wird ja auch nicht angekündigt, dass ich Schwäbisch rede. Also mache ich das nur im Ausnahmefall. Man muss um die Grenzen wissen.


Wo liegen die Grenzen?

Es muss passen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Theologen das als Gag machen oder weil ein paar mehr Leute kommen. Ich habe diesen Predigtstil nicht gesucht, ich habe ihn gefunden, ohne es zu wollen. Ich war eher ein Gegner des Dialekts.


Sie wurden vom Saulus zum Paulus?

Wenn man so will. Ich wurde so erzogen. Meine Mutter hat gesagt: Schwätz bitte anständig! Und in der evangelischen Kirche gibt es ein starkes Bedürfnis: Das besteht darin, sich möglichst gewählt auszudrücken. So habe ich das auch an der Universität gelernt. Ich erinnere mich an Seminare und Vorlesungen, wo uns gesagt wurde, orientieren Sie sich an Thomas Mann und vergleichbarer Literatur. Das Ergebnis: Ich war über den Köpfen. Was nutzt es, wenn ich die beste Botschaft der Welt habe wie das Evangelium, ich sie aber den Menschen nicht verständlich nahebringen kann? Gott goht zu de Leut? Gott isch bei de Leut! Das müssen wir als verfasste Kirche noch lernen.


Wie haben Sie das gelernt?
Ich bin ein ernster Mensch, ich muss alles reflektieren. In Tübingen und Kirchentellinsfurt habe ich meine ersten eigenen Predigten gehalten. Da hat einer gesagt: „Jetzt schreiben Sie mal ebbes Fröhliches, das ist immer so ernst und schwer.“ Und ich merkte, als Pfarrer darf ich auch mal was Fröhliches machen. Da hat mir der Dialekt geholfen.


Auf welche Art und Weise?

Ich habe Anekdoten, die mir die Menschen erzählten, ins Schriftdeutsche übersetzt und in den Gottesdienst gebracht – aber immer war die Pointe kaputt! Mir fällt ein Satz einer alten Dame ein, die war etwas säuerlich. Sie sagte: „Was soll i do dazu sagen, da wird‘s am beschten sein, ich sag gar nix, ich hoff’ natürlich, dass i so viel sage darf.“ Jetzt habe ich das übersetzt, der Witz war weg. Dann habe ich das auf Schwäbisch gesagt; auf einmal war ein Schmunzeln in dieser kleinen Kirche. Da habe ich gedacht: Das musst du weitermachen.


Gemeindearbeit wird ja ohnehin auf Schwäbisch stattfinden?

Natürlich, zu 90 Prozent. Dann ist ein offizieller Anlass, und alle fangen an, hochdeutsch zu stottern. Liebe Brider, heißt es dann. Und ich denke: Leut’, schwätzet doch Schwäbisch! Ganz normal und ¬unverkrampft. Ich hatte schon ganz, ganz schwere Situationen im Beruf, da hat mich die schwäbische Sprache gerettet. Wenn Sie in ein Haus kommen, wo jemand auf tragische Weise gestorben ist, da ist große Trauer, Verzweiflung pur. Und ich soll da jetzt ein gestelztes Wort ¬sagen? Nein, ich muss das sagen, was mir auf dem Herzen liegt – und das ist Schwäbisch!


Schwäbisch als Sprache des Herzens? Aber der Schwabe hat es doch gar nicht mit Gefühlen?
Ja. Wir sind aber nicht gefühllos. Wir Schwaben tragen das eben nicht vor uns her. Wir verschlucken, verdrucken manches. Ich höre oft: Das geht doch niemand was an, wie ich mich gerade fühle.


Hilft das Schwäbische, den Panzer zu knacken?
Ja, ein Stück weit schon. Das war aber auch die Entdeckung. Wenn ich selber kaum Worte finde, dann rettet mich die schwäbische Sprache. Ich verstehe jetzt den liebe Gott au ned, do könntsch jetzt davonlaufa. Oder das Bild, do kannsch jetzt nemmer nausgucka. Der ganze Himmel ist zugezogen.


Schwäbisch ist warmherziger?
Vieles hat eine tiefere Bedeutung, die man erst im zweiten Moment errät. Wenn ich mit was nicht einig bin, aber nicht zu sehr kritisieren will, sage ich: die Sache hat für mich ein Gschmäckle. Beim Wein sagt man, der habe ein Bodeng’fährtle. Das ist etwas, was man nicht im ersten Moment merkt, da muss man erst mal probieren, sich darauf einlassen, und dann spürt man deutlich, da steckt mehr drin, als man im ersten Moment denkt.


Sie sind viel näher bei den Menschen?

Ja, unbedingt. Wenn ich sage, dass Gott uns mag, kann ich das akademisch formulieren. Ich kann aber sagen, der liebe Gott mag euch obache, und dann spüre ich das förmlich. Auch viele Zugezogene verstehen das, nicht alle natürlich.


Da sind wir wieder bei der Grenze?

Es gibt schwäbische Spezialbegriffe, die muss man erklären. Deshalb kündige ich meine schwäbischen Gottesdienste an. Damit man weiß, dass das nicht unbedingt für jemand etwas ist, der des Schwäbischen nicht mächtig ist.


Kommen denn Leute und fragen: Was haben Sie da gesagt?

Am Anfang war es das Wort hälinga oder ebbr. Das kommt immer wieder vor. Nun gibt es ja auch unterschiedliches Schwäbisch. Da ich studiert habe, bin ich ein bisschen verbildet. Und ich kann mein ursprüngliches Göppinger Schwäbisch nicht mehr sprechen. Das hat sich über die Jahre verloren, abgeschliffen. Ich spreche so eine Art allgemeines Schwäbisch.


Noch nicht Honoratiorenschwäbisch?

Nein. Aber auch kein breites Schwäbisch. Diese speziellen Begriffe, die es früher in einzelnen Orten gab, die sterben aus. Ich habe kürzlich im Schwarzwald „Kener“ gelernt, für Dachrinne. Aber das würde ich nie in einer Predigt verwenden.


Predigen Sie ausschließlich Schwäbisch?

Nein. Nur ab und an, auf Einladung. Und manchmal in der eigenen Gemeinde. Ich bin der Einzige, der es mit dieser Regelmäßigkeit macht. Es gibt noch einige, die es ab und an probieren. Ich mache es systematisch. Ich habe pro forma auch fünf Prozent meiner Arbeitszeit zur Verfügung, leider viel zu wenig. Ich arbeite es theoretisch auf, speziell über die Mundartarbeit. Ich will das nicht nur machen, sondern auch reflektieren.


Und ist man in der Kirche Martin Luthers froh, Pfarrer zu haben, die schwätzen wie die Leut‘?

Sagen wir es so, es gab Zeiten, in denen ich ignoriert wurde. Aber das ist besser geworden. So hat mir Bischof Frank July für eines meiner Bücher ein Vorwort geschrieben. Aber ansonsten, wenn man nix hört, ist das ja eine hohe Zustimmung. Nix g’sagt, isch g’nug g’lobt.


Und bei den Zuhörern?

Die sind sehr angetan. Nicht mehr alle sprechen das, aber sie verstehen das. Besonders junge Leute finden das cool. Was machen wir? In der kirchlichen Jugendarbeit reden wir Englisch: Wir sagen nicht mehr Gebetstag, wir sagen Pray Day, bis hin in konservativste kirchliche Kreise. Oder Jesus today.


Heilixblechle.
In der Tat. Warum kann man das nicht auf Schwäbisch sagen? Aber vielleicht schaffen wir das noch.


Danke fürs Gespräch. Und frohe Weihnachten.

Danke. Auch Ihnen und Ihren Lesern frohe Weihnachten.