Die Schwaben und die Liebe

Gärtringen - Vor einem "echten Problem" stand Pfarrer Manfred Mergel am Freitagabend. Der frühere Gärtringer Gemeindepfarrer sollte einen ganzen Abend lang "über etwas schwätzen, wo es in Württemberg gar nicht gibt", nämlich über Liebe, Lust und Leidenschaft.

Von Sabine Haarer

Doch der Mundartpfarrer und Mundartautor nahm sich ein Herz, und an den ihm vorangehenden Generationen kein Beispiel. Denn die hatten "nie etwas gesagt - ond trotzdem bin i do".
Also vermied Pfarrer Manfred Mergel am Freitagabend den Abstecher in die Botanik, klammerte die Geschichten vom klappernden Storch und von der treppensteigenden Katze aus und tauchte tief ein in die Themen Liebe, Leidenschaft und "Äroddik". "Tief" zumindest für schwäbische Verhältnisse. Denn der gemeine Schwabe, das wusste Mergel so gut wie seine recht kleine Zuhörerschaft am Freitagabend, unterhält sich lieber über Bauplatzpreise als über Gefühle.
Er vermutet zudem hinter jedem Wangenstreicheln einen Hintergedanken aus der Kategorie "Dätsch mr?", sieht den Kuss per se als "senkrechten Ausdruck für ein waagerechtes Bedürfnis" und neigt höchstens dann zu eruptiven Gefühlsausbrüchen, wenn der VfB die deutsche Meisterschaft gewinnt. Oder aber, wenn es ums Essen geht. Wenn sich die Fleischeslust auf eine ordentliche Scheibe Schwartenmagen oder, Achtung Wortspiel, auf Salzfleisch bezieht. Dann kann selbst der evangelisch oder gar lutherisch sozialisierte Schwabe zum Lebemensch werden. Sonst aber ist er "hälenga äroddisch", eher als "erotisches Geheimtalent" denn offensiv unterwegs. Er sendet eher nonverbale Signale, hält die Gefühle zusammen, den Geldbeutel sowieso.
Was erklärt, warum es für schwäbische Mädle nur selten "Tulpen aus Amsterdam" gibt. Selbige zierten am Freitagabend nicht nur Herzvase und Klavier, sondern wurden auch gefühlvoll besungen. Alexa Gaiser übernahm diesen Part, Debora Kohler dazu die zweite Stimme und die Klavierbegleitung. Die beiden Frauen waren Teil des Kabarettprogramms, lockerten dieses durch musikalisches "Liebesgeflüster" auf und begeisterten in bester "Helene"- und "Andrea"-Manier mit deren Schlager-Liebesliedern. Der Abstecher auf "Wolke vier", eine schwäbische Variante des Beatles-Klassikers "When I'm 64" und Bonnie Tylers Werben um die Liebe komplettierten die Liedauswahl, die ebenso gut ankam wie die Kindheitserinnerungen von Pfarrer Manfred Mergel.
Lachend und kopfnickend stimmten die Zuschauer in der Gärtringer Villa dem Rückblick auf die Partnersuche zu, die seinerzeit noch "live" stattfand und zu einem "richtigen Geschäft ausarten" konnte. Gemeinsam erinnerte man sich an die misslungene Suche nach Liebesliedern, an die Verbannung der Kuscheltiere aus dem Kinderzimmer und an die störenden Stippvisiten der allzu gastfreundlichen Mutter in eben selbigem. "Ich habe mich immer gefragt, ob die schon erwachsen zur Welt gekommen sind", ließ Pfarrer Manfred Mergel seine damaligen Gedanken noch einmal Revue passieren. Unterhaltsam zitierte er den einen oder anderen Spruch seiner Oma, Tübinger "Goga"- und andere Witze und gab den einen oder anderen handfesten Ratschlag für ein Leben voller Lust und Leidenschaft. Dafür, so war der Schwaben-Kenner in der Villa Schwalbenhof überzeugt, braucht es lediglich eine Lichterkette, die richtigen Spruch-Schilder und die richtige Gelegenheit für ein "Candle-Light-Potato-Work-out" in der heimischen Küche.