"Dialekt und Verkündigung sind zeitlos"

Interview mit dem Mundartpfarrer Manfred Mergel

Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg, Nr. 3 / 2005 v. 16.01.2005

Manfred Mergel möchte mit der schwäbischen Mundart Menschen für Jesus gewinnen.

SIMMOZHEIM (Dekanat Calw) – Seit zehn Jahren schwätzt Manfred Mergel auch auf der Kanzel Schwäbisch. Wenn der Pfarrer zum Mundartgottesdienst einlädt, sind die Kirchenbänke voll. Gemeindeblatt-Redakteur Volker Kiemle sprach mit ihm über Faszination und Funktion des Dialekts.

Ist es nicht altmodisch, Mundartgottesdienste anzubieten?

Manfred Mergel: Altmodisch? War es jemals altmodisch, Dialekt zu sprechen? Ich schäme mich meiner Muttersprache nicht, so wenig ich mich meines Glaubens schäme. War es jemals altmodisch, das Evangelium von Jesus Christus weiterzusagen? Dialekt und Verkündigung sind zeitlos. Sie geschehen immer, gleichsam zur Zeit und zur Unzeit. Die Mundart ist für mich ein sprachliches Mittel, um verständlich zu predigen – für alle Altersgruppen, nicht nur für die geübten Predigthörer. Als ich vor zehn Jahren anfing, schwäbische Gottesdienste zu halten, wurde das Thema ‚Dialekt’ in der Öffentlichkeit wenig beachtet. Das hat mich gereizt. Ich finde es ziemlich langweilig, etwas anzubieten, was eh schon in aller Munde ist. Inzwischen hat sich viel verändert. Ich hab’ den Eindruck, im Augenblick erleben wir eine Art Dialekteuphorie. Das sehe ich mit gemischten Gefühlen. Insofern mag Ihre Einschätzung berechtigt sein. Was selbstverständlich ist, bedarf keines Aufhebens. S gibt sotte on sotte Leut. Die Mundart lässt sich auch missbrauchen für zweifelhafte Ziele. Ich begründe mein Anliegen biblisch-theologisch. Ich möchte Menschen für Jesus gewinnen.

Mundartgottesdienste sind sehr selten in Württemberg. Wie sieht das in anderen Landeskirchen aus?

Manfred Mergel: Im gesamten Süden ist es vermutlich nicht viel anders. Durch meine Mitarbeit für ein Mundartzentrum beim Stuttgarter und Frankfurter Kirchentag hab’ ich verschiedene Kontakte. Im Norden gibt es genügend Pfarrer, die ihren Dialekt für Predigt, Unterricht und Seelsorge nutzen. Die plattdeutschen Gottesdienste blühen. Längst hat sich eine offizielle kirchliche Mundartarbeit etabliert. Ich war letztes Jahr zum vierzigjährigen Jubiläum eingeladen! Ein Landessuperintendent überbrachte die Grüße der Bischöfin. Das ist in Loccum, aber nicht in Bad Boll denkbar. Württemberg ist ein Sonderfall. Das hängt mit dem Verständnis unseres Dialektes zusammen - und mit dem Problem, dass wir nach meiner Erfahrung die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen innerkirchlich sehr zeitversetzt wahrnehmen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Mundartgottesdienste?

Manfred Mergel: Ich hab’ so viele Wünsche! Ich wünsche mir mehr Pfarrer, die gelegentlich im Dialekt predigen. Ich wünsch’ mir einfach Unterstützung. Ich wünsche mir Zeit, Kraft, Gesundheit, dass ich meiner Linie treu bleibe. Ich wünsche mir, dass ich noch lange schwäbisch predigen darf, auch wenn die Mundarteuphorie wieder verflogen ist. Wag es mit Jesus! Ich wünsch’ mir, dass ich in diesem Sinne zum Segen werde.