Der modernen Welt entrissen
Lesung / Pfarrer Manfred Mergel erlebt Entschleunigung bei der Fahrt mit einer historischen Postkutsche

Von Walter Maier

Welch ein Luxus, Zeit zu haben in einer Zeit, in der niemand mehr Zeit hat: Manfred Mergel, evangelischer Pfarrer in Dornstetten-Aach, zeigt unserer Gesellschaft eine gesunde Alternative mit Wellness-Faktor zum Dauerstress in Beruf und Freizeit auf.

Waldachtal. Was treibt einen evangelischen Theologen an, eine nostalgische Tour mit der historischen Postkutsche im Ländle zu unternehmen? Der bekannte schwäbische Mundartpfarrer wollte einmal aus dem hektischen Alltag aussteigen. Allen Waldachtalern, denen es genauso geht, gab er Anregungen für Entspannungsmöglichkeiten.
Viele interessierten sich für die Lesung im evangelischen Gemeindehaus in Tumlingen. Mergel ist einem Teil der Waldachtaler bekannt durch Gottesdienste in der Christuskirche, auf dem Bibelweg und durch seine schwäbischen Predigten bei den Erntedankfest-Gottesdiensten auf dem Cannstatter Volksfest.
Der 59-jährige Buchautor erzählte von seiner spannenden Reise und las ausgewählte Texte aus seinem Buch "Der Charme der Langsamkeit – Mit der Postkutsche durch Oberschwaben" vor. "Bei so einer Reise gibt es keine Eile", sagte Mergel. Entschleunigung heißt das große Schlagwort, um aus dem Alltagstrott von Zeitdruck und Hektik herauszukommen. In der Postkutsche genießt Mergel die alte Kultur des Reisens und das wertvolle Kapital freier Zeit. Der Geschäftsführer im evangelischen Kirchenbezirk Freudenstadt und Mundartpfarrer der evangelischen Landeskirche räumte in Waldachtal ein: "Auch wir Pfarrer sind immer auf dem Absatz unterwegs." Im Oberschwäbischen, das habe er erlebt, laufe manches langsamer ab als im Großraum Stuttgart. "Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit", zitierte er ein afrikanisches Sprichwort. Er habe gehört, auch die Waldachtaler hätten keine Zeit, wandte er sich fragend an die mehr als 50 Zuhörer. Seine Antwort: "Der liebe Gott hat uns die Zeit geschenkt: Ein Tag hat 86 400 Sekunden!"
Auch das ständige Erreichbarsein bedürfe der kritischen Auseinandersetzung. Die Band Revolverheld mit Johannes Strate hat passend dazu getextet: "Bin immer erreichbar und erreiche doch gar nichts." Mergel entdeckte während seiner Postillon-Tour etwas, was unbezahlbar ist: Gelassenheit und einen inneren Frieden. Der Familienvater von zwei Kindern rezitierte aus seinem Buch: "Ich empfinde es als unzeitgemäß, so chauffiert zu werden – der modernen Welt entrissen und einer unbekannten, zeitlos erscheinenden Langsamkeit preisgegeben." Dafür taugte das vom Hufgetrappel und Pferde-Galopp bestimmte gemütliche Reisetempo auf der ehemaligen Linie des Königlich-Württembergischen Postwesens von Isny nach Ochsenhausen, durch das Wurzacher Ried und vorbei an kulturhistorischen Kleinoden. Als profunder Kenner erwies sich der mitreisende Postillon-Initiator Walter Ertl, der sich mit seiner Berline einen Traum erfüllt hat.
Der in Göppingen geborene Pfarrer erzählte eine Anekdote von seiner ersten Stelle auf der Schwäbischen Alb. Dort habe ein Landwirt sich geweigert, einen Bulldog zu kaufen und dafür den Pfarrer "eingespannt". Mergel beschrieb seine Arbeit auf dem Kartoffelacker und auf den Wiesen: "Ich habe den Gaul geführt beim Grombiera-Häufeln und Futter für das Vieh geholt." Dafür durfte der keinem bildungsfernen Milieu entstammende Theologe auch mal mit der Kutsche Spazierenfahren. Schmunzelnd fügte er hinzu: "So ist meine Liebe zu den Pferden gewachsen."
Heute, berichtete der Referent, müsse man sich vor dem Burn-out schützen und sich davor rechtzeitig innerlich regenerieren. "Die Seele baumeln lassen" zähle zu den heute meist zitierten Aphorismen. "Machen Sie mal so was, so was Individuelles", empfahl Mergel vor allem der jüngeren Generation den Individual-Tourismus. Das sei besser als wie Heringe am Strand zu liegen. "Ich war in den vier Tagen so erholt wie wahrscheinlich nach 14 Tagen Mallorca", beschrieb er das gemütliche Reisetempo hoch auf dem gelben Wagen. Für die kleine Reisegesellschaft mit den Haflingern vor den zwei Landauern-Kutschen ertönte öfters das Posthorn. In Handarbeit haben Ehrenamtliche die Postkutsche von 1850 nachgebaut. Auf amüsante Weise berichtete er von den eingelegten Pausen: technischer Halt, Bier-Halt, Most-Halt, Brezel-Halt. Mit dem "Öchsle", einem technischen Kulturdenkmal, gönnte sich der Dampflok-Fan zum Abschluss seiner mehrtägigen Postkutschen-Reise eine beschauliche Bahnfahrt von Ochsenhausen nach Warthausen.
"Wir brauchen als Menschen immer wieder die Möglichkeit, langsam zu fahren, sei es mit dem Bulldog oder einer Kutsche oder zu wandern." Das ersetze Medikamente und Therapien. Ruhe und Rast statt Eile und Hast sei wieder modern geworden in unserer postmodernen Welt. "Wachstum und Gewinn gehen doch zu Lasten derer, die es erwirtschaften müssen", meinte der Theologe. Wer einen Sinngehalt im Arbeitsleben erkenne, könne auch mehr Leistung erbringen. Denn: "Wer Sinn erkennt in Beruf und Familie, der ist nicht so stark von Burn-out gefährdet", meinte der Autor. Man müsse noch spüren, für was man sich abrackere.
Erika Burkhardt freute sich über die große Besucherzahl und dankte für den evangelischen Frauenkreis Tumlingen/Hörschweiler dem schwäbischen Buchautor für einen "wunderschönen Abend". Dieser habe Erinnerungen wachgerufen an vergangene Zeiten, als landwirtschaftliche Betriebe mit Pferden und Kühen das Dorfbild prägten. Heute, erklärte Burkhardt, suchten Menschen, die beruflich Druck und Zeitmangel ausgesetzt sind, Möglichkeiten zum Abschalten – etwa das Wandern.

Ruhe und Rast statt Eile und Hast: Eine historische Postkutschen-Tour als Mittel gegen Burn-out empfiehlt der evangelische Theologe Manfred Mergel seinen zahlreichen Zuhörern und Lesern in Waldachtal. Foto: Maier

Das Buch: "Der Charme der Langsamkeit – Mit der Postkutsche durch Oberschwaben" von Manfred Mergel, 125 Seiten, Silberburg-Verlag Tübingen/Karlsruhe, ISBN 978-3-8425-1467-6, 9,90 Euro