Das "Liebesgeflüster" der Schwaben

Deckenpfronn: Szenische Lesung mit Pfarrer Manfred Mergel sowie Musik von Debora Kohler und Alexa Gaiser in der Zehntscheuer

Von Nicola Hollenbach

Wie hält es der Schwabe mit Liebe, Lust und Leidenschaft? Dieser Frage geht der sonst eher für seine Gottesdienste in Mundart bekannte Pfarrer Manfred Mergel in der Deckenpfronner Zehntscheuer auf den Grund. Musikalisch unterstützt wird er dabei von Debora Kohler und Alexa Gaiser.

Bekanntlich sei das Leben des Schwaben schon einmal grundsätzlich der Pflicht und
somit der Plage gewidmet, stellt Pfarrer Manfred Mergel bei seiner szenischen Lesung in der Deckenpfronner Zehntscheuer, in der Autoren aus verschiedenen Epochen zu Wort kommen, aber auch der eigene Erfahrungsschatz ausgiebig geplündert wird, gleich zu Anfang des Programms „Liebesgeflüster“ sachlich fest. Daraus folgert er, dass der Schwabe darum eher „lustlos“ als „lustvoll“ lebe, und aufgrund des vorherrschenden Protestantismus die „Lebenslust“ sowieso nicht sehr hoch im Kurs gestanden habe. Wie verträgt sich das also mit Erotik? Na, da weiß der echte Schwabe schon Bescheid, drückt seinem Weib beim abendlichen Zubettgehen verschämt ein Küssle auf die Wange, zieht es am Zopf und wünscht als Höhepunkt des Ganzen eine gute Nacht. Leicht ungläubig mustert ihn am dritten nach dem gleichen Muster ablaufenden Abend seine Holde von der Seite, worauf ihr Göttergatte sich in vollster Überzeugung in die Brust wirft: „Gell, da guckst du, in der Erotik sind wir Schwaben die reinsten Teufel!“

Ja, Lust solle den Schwaben allenfalls beim Essen überkommen, das sei die allgemein tolerierte Ausnahme, und die Lust auf eine rechte Wurst geradezu legitim. Einem solchen Klima kann man also nur mit Sublimierung begegnen, beispielsweise den „Hamlet“ studieren und sich anderen feingeistigen Dingen widmen, denn gescheit waren die Schwaben ja schon immer. Nur, wie steht es dann mit dem Gefühl? Da sieht sich Manfred Mergel, der sich in seiner ureigensten Muttersprache vom Hölzchen zum Stöckchen schwäbelt, nun genötigt, eine Anleihe bei der im sibirischen Krasnojarsk geborenen Helene Fischer zu tätigen, die, vermutlich aufgrund völlig anders gearteter genetischer Erbinformationen in einem ihrer Liedtexte davon berichtet, mühelos „Von null auf Sehnsucht“ zu kommen, was für einen Schwaben eine erotische Eruption erster Güte und somit ein Jahrhundertereignis darstellen würde. Denn schon ein vermeintlich unschuldiger Kuss in einer Ehe Ist mit Vorsicht zu genießen, sei er seinerseits stets „ein senkrechter Ausdruck eines waagerechten Bedürfnisses“ und kommt er von ihr, das sichere Signal, dass der Gelbe Sack hinausgebracht werden muss, ansonsten müsste „Mann“ eine solche Entgleisung gleich mit „Heut‘ semmer aber feurig!“ quittieren.

Musikalisch aufgelockert werden diese schwäbisch-erotischen Exkurse durch Lieder und Schlager, die Alexa Gaiser (Gesang) und Debora Kohler am Flügel mit Charme vortragen. Da gibt es die beschwingten „Tulpen aus Amsterdam“ oder zum allgemeinen Vergnügen „Schätzle, i mag di“ und passend zu der Behauptung, dass die schwäbische Fortpflanzung wohl eher etwas „verdruckt“ und ähnlich der „Knollenbildung“ vor sich geht: „Die Gefühle haben Schweigepflicht“.

Und trotz aller schönen Jugenderinnerungen in einer friedlich intakten Familie und heimatlichen Kirchengemeinde, die Pfarrer Mergel um keinen Preis der Welt missen will, sei es ihm doch unverständlich, wie dazumal mit dem Thema „Liebe, Lust und Leidenschaft“ am liebsten gar nicht, und wenn überhaupt, äußerst warnend und mit mindestens einem scheelen Auge umgegangen wurde. Und hatte der Heranwachsende denn einmal das große Los gezogen, und das weibliche Ziel alles aufkeimenden erotischen Hoffen und Strebens den Weg in das elterliche Haus des hoffnungsvollen Jünglings und sogar noch den in dessen Zimmer gefunden, der sogar den Ratschlag eines erfahrenen Freundes gewissenhaft befolgt hatte, zum Zwecke der physischen Annäherung für eine arktische Raumtemperatur zu sorgen, dann konnte er sich aber auch sicher sein, dass nach drei Minuten seine besorgte Frau Mama in der Tür stand, die Heizung flott mal hochzudrehen, nach weiteren vier Minuten erneut, etwas zu trinken anzubieten, um in vielen weiteren dreiminütigen Abständen wieder aufzutauchen, nacheinander den gesamten Inhalt der Speisekammer vor den Turteltauben auszubreiten. Wäre ein Kumpel zu Gast gewesen, hätte es die gleiche Mutter kaum berührt, wäre dieser Hungers gestorben, verdurstet oder gar erfroren ... Ein kollektives Nicken geht durch den Saal, offensichtlich gleichen sich die Bilder der Erinnerung, und auch die Prozedur der eher kaum bis nicht erfolgten sexuellen Aufklärung scheint flächendeckend ähnlich vonstattengegangen zu sein. Sehr vereinzelt sieht man aber auch einmal ein Kopfschütteln – das können dann aber wohl nur die Nichtschwaben sein, denn auch für die ist Manfred Mergels Programm über „Die Schwaben und die Liebe“ interessant, amüsant und durchaus verständlich.

Pfarrer Mergel liegt das Thema so am Herzen, dass er noch sehr viel mehr erzählen könnte, was nach dieser erfolgreichen Premiere in der Deckenpfronner Zehntscheuer sicherlich auch noch der Fall sein wird.